Analytische Gestalttherapie

Psychotherapie ist zu wertvoll,
um nur den Kranken vorbehalten zu bleiben.
Erving Polster, Gestalttherapeut

Gestalttherapie ist keine Methode, um Menschen noch leistungsfähiger oder arbeitswilliger zu machen. Sie möchte nicht angepasstes Verhalten fördern, sondern das Eigenwillige – den Mut zur Eigenart und individuellen Kreativität – unterstützen. Mithilfe einer kontinuierlichen Schulung des Gewahrseins, zielt Gestalttherapie darauf ab, Bewusstseinserfahrungen zu vermitteln, die sowohl die Wahrnehmung der Welt als auch von sich selbst erweitern und in eine neue innere Freiheit führen. Die wesentliche Aufforderung der Gestalttherapie liegt darin, sich auf einen Prozess der Selbsterkenntnis einzulassen. Die zentralen Ideen ihrer Begründer Fritz und Lore Perls machen die Gestalttherapie zu einem erfahrungsorientierten, existenziellen und experimentellen Verfahren.

Bonner Centrum für Analytische Gestalttherapie

Gestalttherapie ist beeinflusst von der Existenzphilosophie (Prinzip des Hier und Jetzt), Martin Bubers Philosophie der Begegnung (dialogisches Prinzip), der Phänomenologie (Prinzip der Arbeit am jeweiligen Phänomen, das sich im Vordergrund zeigt), der Psychoanalyse (alte Erfahrungen – insbesondere der frühen Kindheit – wirken sich im aktuellen Leben aus), der Humanistischen Psychologie (positive Konzepte von Wachstum, die über die Überwindung von Defiziten hinausgehen; die Überzeugung von der schöpferischen Kraft des Einzelnen) und der Gestaltpsychologie (wahrnehmungspsychologische Gesetze und Wirklichkeitskonstruktion).

Den Psychoanalytikern Fritz und Lore Perls ist es in 1940er- bis 1970er-Jahren gelungen, diese Strömungen in einem neuen ganzheitlichen psychotherapeutischen Konzept zu vereinen. Bereichert wurde die Analytische Gestalttherapie durch die Arbeit von Stuart Alpert und Naomi Bressette-Alpert (Hartford Family Institute, HFI), USA, die auch indianisch-intuitives Wissen mit einfließen ließen. Das Team des Analytischen Gestaltinstituts, Bonn, brachte diesen Ansatz 1985 nach Deutschland. Seit 2005 folgen wir mit unserem Institut dieser Tradition – dabei nehmen wir geeignete neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden wie z. B. moderne Traumatherapieverfahren und Achtsamkeitskonzepte mit auf. Alle in unsere Arbeit einfließenden Ansätze verbindet die grundlegende Überzeugung, dass tiefgreifende Veränderung und Wachstum möglich sind.

Wir gehen davon aus, dass psychische Auffälligkeiten nicht mit Begriffen von Krankheit, Verrücktheit oder Normalität versteh- oder erklärbar sind, sondern nur im Gesamtzusammenhang mit der individuellen Geschichte begreiflich werden. Viele Probleme, Krisen, Ängste und schwierige Alltagssituationen sind nachvollziehbar, wenn die dahinter liegenden inneren Konflikte sichtbar werden. Analytische Gestalttherapie dringt bis zur Entstehungsgeschichte eines Überzeugungs- und Verhaltensmusters vor und hilft so, gegenwärtige Reaktionen besser zu verstehen und auf neue Weise zu bewältigen.

Mit den analytischen Psychotherapien teilen wir die Überzeugung, dass die Schutzfunktionen des Überlebens (Abwehrmechanismen) den Klienten über Jahre hinweg von inneren notwendigen (Wachstums- und Veränderungs-) Prozessen abschirmen können. Alte und ursprünglich bedeutsame Bewältigungsmechanismen werden dann zu Hindernissen und Risikofaktoren für den Betroffenen. Im Kontakt mit dem/der Analytischen GestalttherapeutenIn werden frühere Verletzungen und Verluste behutsam offenbart, damit das, was der Heilung bedarf, an die Oberfläche treten und abgeschlossen werden kann.

Ziel der Analytischen Gestalttherapie ist es, alte Gefühle und Verletzungen zuzulassen und bewusst zu erleben, um dadurch die innere Dynamik und wiederkehrende Muster in der aktuellen Lebensweise zu verstehen und nachhaltig zu verändern. Analytische Gestalttherapie fördert die tiefe Einsicht in Wahrnehmungs- und Verhaltensreaktionen, die unter alltäglichen Bedingungen automatisiert ablaufen und nur in seltenen Fällen der bewussten Kontrolle unterliegen. Klienten sehen sich dadurch zunehmend in die Lage versetzt, flexiblere Verhaltensmöglichkeiten zu entwickeln und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen – sie gewinnen ihre emotionale Fülle zurück. In der Begegnung mit dem Therapeuten erfahren sie, dass in ihrem authentischen Ausdruck eine Lebendigkeit liegt, die nicht nur einfaches Überleben meint, sondern das aktive, eigenverantwortliche und sinnvolle Gestalten des eigenen Lebens ermöglicht.

Damit wird Analytische Gestalttherapie zu einer Reise zum eigenen Selbst in der persönliche und individuelle Heilungsprozesse behutsam begleitet werden. Diese bewusste Reise in der Absicht, Verwandlung zu erfahren, wird häufig als etwas Besonderes erlebt. Tiefe – auch schmerzhafte – Gefühle werden integriert, Konflikte aufgelöst und die eigene Sinnhaftigkeit wird spürbar. Dadurch entstehen Räume für Entschleunigung, Humor, Stille, Lachen, seelische Entspannung und Lebensfreude.